Alltags-Geschichten
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Weihnachten 196?
(12/2011)
In dem kleinen Schwarzwalddorf, wo ich alljährlich bei Großeltern, Urgroßmutter, Onkel und Tante die Weihnachtsferien verbrachte, gab es damals zwei Gruppen von Kindern, die im Winter draußen waren. Die Kleinen fuhren auf einem abschüssigen Weg im Dorf Schlitten. Man musste gut steuern, um an der Einmündung in den Querweg die Kurve zu bekommen, anderenfalls landete man im Graben auf der anderen Seite des Querwegs. Im Graben lief das Überreich des Wasenbrunnens und wenn das Eis darüber nicht dick genug war, brach man ein und bekam nasse Schuhe und Socken. Die Großen fuhren in der Hoschet Ski. Diese Skipiste hinter dem Gemeindehaus führte etwa 300 Meter bis zum Waldrand hinab und musste zuerst präpariert werden. Jeder stapfte ein paar Mal mit den Skiern quer zum Hang hinauf und hinunter, damit eine feste und tragfähige Oberfläche entstand. Bei hohem Pulverschnee war das eine langwierige und schweißtreibende Beschäftigung. Skilifte gab es in der näheren Umgebung nicht. Es wäre auch kein Fahrzeug im Dorf gewesen, mit dem man uns Kinder hätte hinbringen können. Und der Postbus fuhr nur einmal in der Woche nachmittags ins nächstgelegene Städtchen und abends wieder zurück.

Es könnte 1963 gewesen sein ... Wie auch in den Vorjahren hatten auf meinem Wunschzettel ganz oben ein Paar Skier gestanden. Die Urgroßmutter erfüllte meinen Wunsch in diesem Jahr. Nagelneue blaue Holzskier, mit einem roten und einem weißen Streifen an der Kante durfte ich am Stefanstag in ihrer Stube in Empfang nehmen. Dazu zwei Stöcke aus Bambus; die hatten oben Lederschlaufen und unten in etwa 15 cm Höhe jeweils eine Rosette, ebenfalls aus Bambus, die mit roten Lederriemchen am Stock befestigt war. Rote, gelbe und blaue Wachsstücke für Pulverschnee, Nassschnee und verharschten Schnee waren auch dabei. Die Großeltern, Onkel und Tante sorgten für den Rest der Ausstattung: Ein Paar Skistiefel aus schwarzem Leder, mindestens eine Nummer zu groß, sodass ich im nächsten Jahr nicht gleich wieder neue brauchte. Eine wollene Strumpfhose und eine schwarze Keilhose mit dauerhaften Bügelfalten. Die hatte einen seitlichen Reisverschluss und war vor allem ab der Wade sehr eng geschnitten. Ein etwa zwei bis drei Zentimeter breites Gummiband verband ab Knöchelhöhe die Außen- mit der Innenseite jedes Hosenbeins, dadurch blieben Ferse und Vorderfuß frei. Darüber kamen dann dicke Wollsocken. Durch ein zweites Paar Wollsocken wurde das zu große Schuhwerk ausgefüllt. Die Stiefel hatten eine Innenzunge und eine Oberzunge. Über der Innenzunge wurde mit gewöhnlichen Schnürsenkeln geschnürt, die Oberzunge kam über das Schuhleder zwischen zwei Hakenreihen, wo man sie von Haken zu Haken mit einem dicken mehrfarbigen Senkel fixierte. Die Wollsocken stülpte man, soweit sie aus dem Schuh reichten, über den Stiefelschaft und die Schleifen der Schnürsenkel. Ein Rollkragenpullover musste sein, darüber ein dicker Wollpullover mit Norwegermuster und ganz zum Schluss ein Anorak. Zwei Paar wollene Handschuhe übereinander und eine Pudelmütze komplettierten die Skifahrerin.

Die Skibindung passte der Onkel an meine Stiefel an. Der Stiefel, dessen Sohle vorne trapezförmig war, wurde zwischen die seitlichen Metallführungen der Skier eingepasst und die Führungen fest-geschraubt, zusätzlich dann von der rechten zur linken Führung jedes Skis über dem Schuh ein Lederriemchen befestigt. Im Absatzbereich hatte so ein Skistiefel eine Rille für die Metallschlaufe der Skibindung. Vor dem Fuß auf dem Ski befand sich eine Klappe, die man nach vorne drückte, um den Stiefel zwischen Führung und Schlaufe einzuspannen. An den Skikanten gab es zusätzliche Haken für die Bindungsschlaufe. Je nachdem, ob man die Skier zum Gehen oder für die Abfahrt verwenden wollte, wurden die Schlaufen zwischen den Haken durchgeführt oder nicht. Es waren also Langlauf- und Abfahrtsskier.

Bei der Trockenübung in Urgroßmutters Stube fiel ich gleich um. Es war gar nicht so einfach, mit diesen Brettern, die eine Armlänge größer waren als ich, ein paar Schritte vorwärtszugehen, ohne diese hinten zu überkreuzen. In diesem Winter würde ich zum ersten Mal zu den Großen gehören, wenn, ja wenn es morgen oder übermorgen oder wenigstens noch vor dem neuen Jahr schneien würde … Es schneite dann – einen Tag vor dem Ende meiner Ferien.

Der Morgen danach
(07/2011)
Die Sonne scheint – Zeit um aufzustehen. Das ist nicht ganz einfach heute Morgen. Mein Körper will mir einfach nicht gehorchen. Der Rücken schmerzt, in den Knien knackt es, in Oberschenkeln und Waden macht sich ein seltsames, sehr unangenehmes Ziehen bemerkbar und außerdem kann ich Schultern und Ellbogen kaum bewegen. Vorsichtig versuche ich, mich nach Art der Tiere in alle Richtungen zu strecken. Dann der Stresstest: die Treppe hinunter. Die Knie wackeln – ich muss mich am Geländer festhalten.

Vor dem Haus ist der Frühstückstisch gedeckt und es duftet herrlich nach Kaffee. Essen und Trinken erhalten bekanntlich den Leib und heben die Stimmung. Sie lassen auch mich meine körperlichen Unzulänglichkeiten fast vergessen. Als ich vom Frühstückstisch aufstehe, kommt der Gedanke auf, noch ein paar Stunden liegend im Bett zu verbringen. Ich entscheide mich anders. Vielleicht wäre ich gestern gut beraten gewesen, nach dem Frühstück gleich wieder zu schlafen. Stattdessen ging ich, bewaffnet mit Eimer, Rechen und Mineralwasser, in den Wald, Heidelbeeren sammeln, angetan mit langer Hose, dichter NATO-olivfarbener Jacke, Mütze und Wanderschuhen, wegen der Zecken, Schnaken und Bremsen und das bei wenigstens 25° im Schatten. Es ist heuer nicht viel zu holen, sagte einer meiner Nachbarn. Und so war es auch. Vier Stunden verbrachte ich abwechselnd in gebückter Haltung, auf den Knien oder in der Hocke, um meinen Eimer zu füllen. Daheim mussten die Früchte und die Gläser gewaschen werden, bevor ich Marmelade kochen konnte. Ergebnis: ca. fünf Liter Heidelbeerkonfitüre mit einem Fruchtgehalt von mindestens 80%, abgefüllt in zehn Gläser verschiedener Größe. Und in etwa zwei Wochen sind bestimmt auch die Preiselbeeren reif …

Piep!
(05/2011)
       








Wo bloß Mama und Papa so lange bleiben? Ich habe Hunger! Den Hals kann man sich da verrenken, beim Kucken, ob sie nicht bald kommen. Und am Ende kommen sie immer aus derselben Richtung. Ich zwänge mich so weit wie möglich durch die Pforte und sperre meinen Schnabel sperrangelweit auf, dann bin ich der Erste, der etwas vom Essen abbekommt. Dabei muss ich höllisch aufpassen, dass ich nicht hinausfalle. Die Nachbarin von gegenüber sagt, wenn das passiert, frisst mich die Katze. Das ist so eine dreifarbige, die immer durch die Gegend schleicht und Mäuse im Maul hat. Gestern war’s gefährlich, da kam ein Sperber und wollte mich packen. Die Nachbarin hat das gleich bemerkt und ihn weggescheucht. Mama und Papa ist glücklicherweise auch nichts passiert!

Im Nachbarhaus wohnt eine andere Familie – keine Verwandten. Wir wissen nicht, wie die Herrschaften heißen. Baumläufer, Rotschwanz oder Meise jedenfalls nicht, hat die Frau von gegenüber gesagt, vielleicht Sperling. Rausschauen tut keiner, nur die Eltern fliegen immer ganz schnell hin und her - mindestens so oft wie meine. Manchmal kommt ein Onkel vorbei und schaut sich alle Häuser an. Zu essen hat er aber nie etwas dabei. Und in eins der beiden leeren Häuser einziehen, will er anscheinend auch nicht. Ich glaube, der ist noch Single.

Ob ich es mal wagen soll, hinauszugehen? Mama und Papa landen immer auf diesem Ansitz, wenn sie kommen. Das ist nicht weit, höchstens zwei Schritte. Aber dann haben Mama und Papa keinen Platz, wenn sie mit dem Essen kommen. Ich denke, ich bleibe vorerst mal, wo ich bin. Mama drängt sich immer an mit vorbei ins Haus. Putzen - sagt sie und nimmt einen Schnabel voll Müll mit. Wo sie den hinbringt, weiß ich nicht.

Diese Nachbarin von gegenüber ist schon ein bisschen seltsam. Immer wieder taucht sie hinter diesem schwarzen Kasten auf, der auf drei Beinen steht, und dann macht es klack. Ein Foto, sagt sie, will sie von mir ins Internet stellen, dann würde ich vielleicht ein Star. Dabei hat Mama gesagt, ich sei einer.

Huch, jetzt kommt Papa! Ich darf meinen Einsatz nicht verpassen!

Piep an den Rest der Welt …


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