Alltags-Geschichten
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Für heuer ist es vorbei ...
(09/2013)
Es ist mir gelungen, sie eine gute Woche täglich mehrere Stunden vor mir katzbuckeln zu lassen. Zwischendurch sind sie auch vor mir auf die Knie. Ob ich das im nächsten Jahr wieder schaffe? Wer weiß? Es war für mich schon ein Kraftakt, denen zu zeigen, dass ich in meinem Alter noch genauso viel zustande bringe wie die ganze Bagage von Konkurrenten zusammen, und das sind immerhin sechs, manche von ihnen fünfzig Jahre jünger als ich.

Im Frühjahr haben sie noch darüber diskutiert, mich eliminieren zu lassen. Davon dürfte jetzt keine Rede mehr sein. Man gibt mir sogar mehr Freiraum. Die mich bedrängenden Nachbarn werden auf Abstand gehalten. Sehr erfreulich! Die Anstrengung war also nicht für die Katz, sondern für den Wildpflaumenbrand, den die Herrschaften aus meinen hunderttausend Früchten zu produzieren gedenken. Wohl bekomms!

Gentechnik
(07/2013)
Ich liege in meinem Bett - und das obwohl es noch nicht dunkel ist. Mein Blick schweift zum Fenster hinaus und verfängt sich in einem unserer alten Birnbäume. Ich weiß genau, dass es ein Birnbaum ist und doch sehe ich zwischen seinen Blättern apfelartige, pflaumenblaue Früchte hängen. Eine interessante Aussicht. Aber blaue Äpfel auf einem Birnbaum? Während ich noch überlege, wer mir da einen Streich spielt, das Gehirn oder das Auge, meint mein Mann, ihm kämen diese Halluzinationen äußerst bedenklich vor.

* * * * *

Heute Morgen wieder der Blick aus dem Fenster. Der Birnbaum ist noch da, aber er trägt leider keine blauen Äpfel. Ich gehe in die Küche hinunter und da sehe ich sie, die Marmeladegläser, die diese überdimensionale Heidelbeerstaude vermutlich ausgelöst haben. Ich war gestern und vorgestern im Wald, Heidelbeeren sammeln. Mein Blick immer fixiert auf kleine blaue Beeren zwischen den grünen Blättern der Stauden, stundenlang und in gebückter Haltung. Deshalb musste ich gestern, nachdem die Marmelade fertig war, auch sofort in mein Bett. Mein Kreuz war ziemlich malträtiert.

Wenn diese Beeren in Apfelgröße auf Bäumen wüchsen, wäre die Produktion von Heidelbeermarmelade keine solche Strapaze für Augen, Kreuz und Finger und außerdem in höchstens einem Zehntel der Zeit über die Bühne. Ob man Heidelbeerstauden gentechnisch so verändern könnte, dass die Früchte wenigstens kirschgroß an den Büschen wüchsen, und zwar so, dass frau sich nicht zu bücken brauchte? Dann würde ich meine Einstellung zur Gentechnik vielleicht doch noch mal überdenken. Vorausgesetzt natürlich, der Geschmack bliebe derselbe.


Plaudereien eines Veteranen
(12/2012)
Die Jahre habe ich nicht gezählt. Es können achtzig oder hundert sein, das macht fast keinen Unterschied. Im einen Jahr regnet es mehr, im anderen scheint die Sonne öfter. Ich verfolge jedenfalls stur meinen Plan. In manchen Jahren gibt es im April oder Mai noch einmal Frost, dann kann es sein, dass meine Rechnung nicht aufgeht. Auch gab es schon Jahre, in denen ich mehr Früchte trug als in den letzten. Ans Abtreten denke ich aber noch nicht, wenngleich mir der Sturm hin und wieder einen Ast abreißt.

Sie hat mir mit der Säge gedroht, weil ihr eine meiner Birnen auf den Kopf fiel. Mich trifft da keine Schuld. Die Ursache war dieser schreckliche Wind, der mir die Birnen entrissen hat. Ich hätte sie schließlich noch eine Weile behalten, das wäre für die Qualität der Birnen sicher förderlich gewesen. Aber das stand nun nicht in meiner Macht. Außerdem hält man sich bei Sturm nicht unter Bäumen auf, es können schließlich auch Äste brechen, das weiß doch jedes Kind. Oder doch nicht?

Im Winter, wenn der Schnee auf meinen Ästen und Zweigen liegt, ja manchmal sogar auf einer Seite meinen Stamm bedeckt, da habe ich meine Ruhe. Ich genieße sie. Sobald aber die ersten Zugvögel kommen, in meinem Geäst herumhüpfen und mich nach Insekten absuchen, muss ich mich rüsten. Es ist anstrengend, tausende von Knospen sprießen zu lassen und dann eine Blütenwolke in Weiß darzustellen. In diesem Jahr waren die Bienen eifrig und viele meiner Fruchtstände reiften zu Birnen heran. Sogar mein Nachbar gegenüber hat es heuer gepackt. Im letzten Jahr war er fruchtlos. Jetzt hat er übertrieben und gleich doppelt so viele Früchte reifen lassen wie ich. Ist doch nicht nötig - unsere Besitzer können so viel doch überhaupt nicht verarbeiten und was zu viel ist, das landet gleich bei den Rindviechern. Na ja, Schweizer Wasserbirne, was ist da schon zu erwarten. Einen ordentlichen Birnenbrand gibt das nicht, nicht einmal Most wird das - höchstens Saft. Unsere Hausherren haben ja lange genug gebraucht, das herauszufinden. Mein anderer Nachbar macht sich ganz rar. Er meint ja, seine Früchte seien etwas Besonderes. Ich muss zugeben, sie sind groß, gelb und süß. In den vergangenen Jahren sind immer die Wespen darüber hergefallen. Den Hausherren ist kaum etwas geblieben. Und außerdem hat der Nachbar höchstens einen oder zwei Zentner geliefert. Also da würde ich mich dann doch schämen, zwischen fünf und zehn sind schon drin, selbst in unserem Alter. Meine Birnen sehen ja nicht so edel aus, sind klein, grün und haben eine feste Schale. Ein paar Tage nach dem Fallen werden sie von innen her matschig und braun, aber hinsichtlich des Zuckergehalts können sie es mit Nachbars gelben noch lange aufnehmen und außerdem haben meine auch Aroma. Das kann auch der Schweizer nicht bieten, der hat nur Zuckerwasserfrüchte.

Jedenfalls haben unsere Grundherren in diesem Jahr brav gebuckelt. Vier Wochen lang kam an jeden Morgen die Dame des Hauses und hat körbeweise unter mir Birnen aufgesammelt. Ein schönes Gefühl, dass auch andere malochen und man selbst nicht ganz umsonst gearbeitet hat. Das ist leider auch schon vorgekommen. Meine ganze Fracht fiel da den Rindern und der Fäulnis anheim. In meinen frühen Jahren natürlich nicht, da ging es den Menschen noch nicht so gut wie heute, da wurde alles, was runterfiel, verwertet. Aber heutzutage - da trinken die Leute keinen Most mehr, sondern Wein, keinen Birnensaft, sondern Orangensaft, keinen Birnenschnaps sondern vermeintlich noblere Branntweine. Wer weiß, was denen da so geboten wird … Nun ja, mich geht’s nichts an.

Meine Grundherren wollen diesen Trend offenbar doch nicht mitmachen und haben meine Birnen zu Most verarbeitet, Saft eingekocht und mehrere Fässer eingemaischt. Wenn sie ordentlich gearbeitet haben, dann sollte sich das Ergebnis sehen lassen können. Ich habe jedenfalls meinen Beitrag dazu geleistet.

Es ist Herbst geworden. Ich fühle mich befreit! Keine Birnen kein Laub – der Winterschlaf kann kommen. Zum Glück bin ich schon so alt, da lassen mich die Rehe in Ruhe. Dem übernächsten Nachbarn, einem jungen Kirchensaller, hat man den Stamm eingebunden, damit die Rehe im Winter nicht an seiner Rinde knabbern. Heuer sind auch die Wühlmäuse eifrig, aber meine alten knorrigen Wurzeln mögen sie nicht. Ob man dem Kirchensaller auch einen Wurzelschutz verpasst hat? Wäre vielleicht kein Fehler, wenn er den Winter überstehen soll. Die einäugige Katze ist ja überaus fleißig, aber mit der diesjährigen Mäuseinvasion wird auch sie nicht fertig.

Für mich ist jetzt, Anfang November, das Jahr eigentlich schon rum und vor April beginnt das nächste nicht. Ja, manchmal kommen die Stare schon Anfang März. Aber die lassen mich normalerweise in Ruhe weiterschlafen und hüpfen auf den Linden herum. Vor der Kettensäge, die mich dahinraffen könnte, ist mir nicht bange, da habe ich den Hausherrn auf meiner Seite. Und der wird nicht einmal mit der Baumsäge mein Geäst bearbeiten – der Stiel ist mit seinen vier Metern Länge bei weitem zu kurz.

Gute Nacht allerseits!

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