Alltags-Geschichten
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Plaudereien eines Veteranen
(12/2012)
Die Jahre habe ich nicht gezählt. Es können achtzig oder hundert sein, das macht fast keinen Unterschied. Im einen Jahr regnet es mehr, im anderen scheint die Sonne öfter. Ich verfolge jedenfalls stur meinen Plan. In manchen Jahren gibt es im April oder Mai noch einmal Frost, dann kann es sein, dass meine Rechnung nicht aufgeht. Auch gab es schon Jahre, in denen ich mehr Früchte trug als in den letzten. Ans Abtreten denke ich aber noch nicht, wenngleich mir der Sturm hin und wieder einen Ast abreißt.

Sie hat mir mit der Säge gedroht, weil ihr eine meiner Birnen auf den Kopf fiel. Mich trifft da keine Schuld. Die Ursache war dieser schreckliche Wind, der mir die Birnen entrissen hat. Ich hätte sie schließlich noch eine Weile behalten, das wäre für die Qualität der Birnen sicher förderlich gewesen. Aber das stand nun nicht in meiner Macht. Außerdem hält man sich bei Sturm nicht unter Bäumen auf, es können schließlich auch Äste brechen, das weiß doch jedes Kind. Oder doch nicht?

Im Winter, wenn der Schnee auf meinen Ästen und Zweigen liegt, ja manchmal sogar auf einer Seite meinen Stamm bedeckt, da habe ich meine Ruhe. Ich genieße sie. Sobald aber die ersten Zugvögel kommen, in meinem Geäst herumhüpfen und mich nach Insekten absuchen, muss ich mich rüsten. Es ist anstrengend, tausende von Knospen sprießen zu lassen und dann eine Blütenwolke in Weiß darzustellen. In diesem Jahr waren die Bienen eifrig und viele meiner Fruchtstände reiften zu Birnen heran. Sogar mein Nachbar gegenüber hat es heuer gepackt. Im letzten Jahr war er fruchtlos. Jetzt hat er übertrieben und gleich doppelt so viele Früchte reifen lassen wie ich. Ist doch nicht nötig - unsere Besitzer können so viel doch überhaupt nicht verarbeiten und was zu viel ist, das landet gleich bei den Rindviechern. Na ja, Schweizer Wasserbirne, was ist da schon zu erwarten. Einen ordentlichen Birnenbrand gibt das nicht, nicht einmal Most wird das - höchstens Saft. Unsere Hausherren haben ja lange genug gebraucht, das herauszufinden. Mein anderer Nachbar macht sich ganz rar. Er meint ja, seine Früchte seien etwas Besonderes. Ich muss zugeben, sie sind groß, gelb und süß. In den vergangenen Jahren sind immer die Wespen darüber hergefallen. Den Hausherren ist kaum etwas geblieben. Und außerdem hat der Nachbar höchstens einen oder zwei Zentner geliefert. Also da würde ich mich dann doch schämen, zwischen fünf und zehn sind schon drin, selbst in unserem Alter. Meine Birnen sehen ja nicht so edel aus, sind klein, grün und haben eine feste Schale. Ein paar Tage nach dem Fallen werden sie von innen her matschig und braun, aber hinsichtlich des Zuckergehalts können sie es mit Nachbars gelben noch lange aufnehmen und außerdem haben meine auch Aroma. Das kann auch der Schweizer nicht bieten, der hat nur Zuckerwasserfrüchte.

Jedenfalls haben unsere Grundherren in diesem Jahr brav gebuckelt. Vier Wochen lang kam an jeden Morgen die Dame des Hauses und hat körbeweise unter mir Birnen aufgesammelt. Ein schönes Gefühl, dass auch andere malochen und man selbst nicht ganz umsonst gearbeitet hat. Das ist leider auch schon vorgekommen. Meine ganze Fracht fiel da den Rindern und der Fäulnis anheim. In meinen frühen Jahren natürlich nicht, da ging es den Menschen noch nicht so gut wie heute, da wurde alles, was runterfiel, verwertet. Aber heutzutage - da trinken die Leute keinen Most mehr, sondern Wein, keinen Birnensaft, sondern Orangensaft, keinen Birnenschnaps sondern vermeintlich noblere Branntweine. Wer weiß, was denen da so geboten wird … Nun ja, mich geht’s nichts an.

Meine Grundherren wollen diesen Trend offenbar doch nicht mitmachen und haben meine Birnen zu Most verarbeitet, Saft eingekocht und mehrere Fässer eingemaischt. Wenn sie ordentlich gearbeitet haben, dann sollte sich das Ergebnis sehen lassen können. Ich habe jedenfalls meinen Beitrag dazu geleistet.

Es ist Herbst geworden. Ich fühle mich befreit! Keine Birnen kein Laub – der Winterschlaf kann kommen. Zum Glück bin ich schon so alt, da lassen mich die Rehe in Ruhe. Dem übernächsten Nachbarn, einem jungen Kirchensaller, hat man den Stamm eingebunden, damit die Rehe im Winter nicht an seiner Rinde knabbern. Heuer sind auch die Wühlmäuse eifrig, aber meine alten knorrigen Wurzeln mögen sie nicht. Ob man dem Kirchensaller auch einen Wurzelschutz verpasst hat? Wäre vielleicht kein Fehler, wenn er den Winter überstehen soll. Die einäugige Katze ist ja überaus fleißig, aber mit der diesjährigen Mäuseinvasion wird auch sie nicht fertig.

Für mich ist jetzt, Anfang November, das Jahr eigentlich schon rum und vor April beginnt das nächste nicht. Ja, manchmal kommen die Stare schon Anfang März. Aber die lassen mich normalerweise in Ruhe weiterschlafen und hüpfen auf den Linden herum. Vor der Kettensäge, die mich dahinraffen könnte, ist mir nicht bange, da habe ich den Hausherrn auf meiner Seite. Und der wird nicht einmal mit der Baumsäge mein Geäst bearbeiten – der Stiel ist mit seinen vier Metern Länge bei weitem zu kurz.

Gute Nacht allerseits!

Weihnachten 196?
(12/2011)
In dem kleinen Schwarzwalddorf, wo ich alljährlich bei Großeltern, Urgroßmutter, Onkel und Tante die Weihnachtsferien verbrachte, gab es damals zwei Gruppen von Kindern, die im Winter draußen waren. Die Kleinen fuhren auf einem abschüssigen Weg im Dorf Schlitten. Man musste gut steuern, um an der Einmündung in den Querweg die Kurve zu bekommen, anderenfalls landete man im Graben auf der anderen Seite des Querwegs. Im Graben lief das Überreich des Wasenbrunnens und wenn das Eis darüber nicht dick genug war, brach man ein und bekam nasse Schuhe und Socken. Die Großen fuhren in der Hoschet Ski. Diese Skipiste hinter dem Gemeindehaus führte etwa 300 Meter bis zum Waldrand hinab und musste zuerst präpariert werden. Jeder stapfte ein paar Mal mit den Skiern quer zum Hang hinauf und hinunter, damit eine feste und tragfähige Oberfläche entstand. Bei hohem Pulverschnee war das eine langwierige und schweißtreibende Beschäftigung. Skilifte gab es in der näheren Umgebung nicht. Es wäre auch kein Fahrzeug im Dorf gewesen, mit dem man uns Kinder hätte hinbringen können. Und der Postbus fuhr nur einmal in der Woche nachmittags ins nächstgelegene Städtchen und abends wieder zurück.

Es könnte 1963 gewesen sein ... Wie auch in den Vorjahren hatten auf meinem Wunschzettel ganz oben ein Paar Skier gestanden. Die Urgroßmutter erfüllte meinen Wunsch in diesem Jahr. Nagelneue blaue Holzskier, mit einem roten und einem weißen Streifen an der Kante durfte ich am Stefanstag in ihrer Stube in Empfang nehmen. Dazu zwei Stöcke aus Bambus; die hatten oben Lederschlaufen und unten in etwa 15 cm Höhe jeweils eine Rosette, ebenfalls aus Bambus, die mit roten Lederriemchen am Stock befestigt war. Rote, gelbe und blaue Wachsstücke für Pulverschnee, Nassschnee und verharschten Schnee waren auch dabei. Die Großeltern, Onkel und Tante sorgten für den Rest der Ausstattung: Ein Paar Skistiefel aus schwarzem Leder, mindestens eine Nummer zu groß, sodass ich im nächsten Jahr nicht gleich wieder neue brauchte. Eine wollene Strumpfhose und eine schwarze Keilhose mit dauerhaften Bügelfalten. Die hatte einen seitlichen Reisverschluss und war vor allem ab der Wade sehr eng geschnitten. Ein etwa zwei bis drei Zentimeter breites Gummiband verband ab Knöchelhöhe die Außen- mit der Innenseite jedes Hosenbeins, dadurch blieben Ferse und Vorderfuß frei. Darüber kamen dann dicke Wollsocken. Durch ein zweites Paar Wollsocken wurde das zu große Schuhwerk ausgefüllt. Die Stiefel hatten eine Innenzunge und eine Oberzunge. Über der Innenzunge wurde mit gewöhnlichen Schnürsenkeln geschnürt, die Oberzunge kam über das Schuhleder zwischen zwei Hakenreihen, wo man sie von Haken zu Haken mit einem dicken mehrfarbigen Senkel fixierte. Die Wollsocken stülpte man, soweit sie aus dem Schuh reichten, über den Stiefelschaft und die Schleifen der Schnürsenkel. Ein Rollkragenpullover musste sein, darüber ein dicker Wollpullover mit Norwegermuster und ganz zum Schluss ein Anorak. Zwei Paar wollene Handschuhe übereinander und eine Pudelmütze komplettierten die Skifahrerin.

Die Skibindung passte der Onkel an meine Stiefel an. Der Stiefel, dessen Sohle vorne trapezförmig war, wurde zwischen die seitlichen Metallführungen der Skier eingepasst und die Führungen fest-geschraubt, zusätzlich dann von der rechten zur linken Führung jedes Skis über dem Schuh ein Lederriemchen befestigt. Im Absatzbereich hatte so ein Skistiefel eine Rille für die Metallschlaufe der Skibindung. Vor dem Fuß auf dem Ski befand sich eine Klappe, die man nach vorne drückte, um den Stiefel zwischen Führung und Schlaufe einzuspannen. An den Skikanten gab es zusätzliche Haken für die Bindungsschlaufe. Je nachdem, ob man die Skier zum Gehen oder für die Abfahrt verwenden wollte, wurden die Schlaufen zwischen den Haken durchgeführt oder nicht. Es waren also Langlauf- und Abfahrtsskier.

Bei der Trockenübung in Urgroßmutters Stube fiel ich gleich um. Es war gar nicht so einfach, mit diesen Brettern, die eine Armlänge größer waren als ich, ein paar Schritte vorwärtszugehen, ohne diese hinten zu überkreuzen. In diesem Winter würde ich zum ersten Mal zu den Großen gehören, wenn, ja wenn es morgen oder übermorgen oder wenigstens noch vor dem neuen Jahr schneien würde … Es schneite dann – einen Tag vor dem Ende meiner Ferien.

Der Morgen danach
(07/2011)
Die Sonne scheint – Zeit um aufzustehen. Das ist nicht ganz einfach heute Morgen. Mein Körper will mir einfach nicht gehorchen. Der Rücken schmerzt, in den Knien knackt es, in Oberschenkeln und Waden macht sich ein seltsames, sehr unangenehmes Ziehen bemerkbar und außerdem kann ich Schultern und Ellbogen kaum bewegen. Vorsichtig versuche ich, mich nach Art der Tiere in alle Richtungen zu strecken. Dann der Stresstest: die Treppe hinunter. Die Knie wackeln – ich muss mich am Geländer festhalten.

Vor dem Haus ist der Frühstückstisch gedeckt und es duftet herrlich nach Kaffee. Essen und Trinken erhalten bekanntlich den Leib und heben die Stimmung. Sie lassen auch mich meine körperlichen Unzulänglichkeiten fast vergessen. Als ich vom Frühstückstisch aufstehe, kommt der Gedanke auf, noch ein paar Stunden liegend im Bett zu verbringen. Ich entscheide mich anders. Vielleicht wäre ich gestern gut beraten gewesen, nach dem Frühstück gleich wieder zu schlafen. Stattdessen ging ich, bewaffnet mit Eimer, Rechen und Mineralwasser, in den Wald, Heidelbeeren sammeln, angetan mit langer Hose, dichter NATO-olivfarbener Jacke, Mütze und Wanderschuhen, wegen der Zecken, Schnaken und Bremsen und das bei wenigstens 25° im Schatten. Es ist heuer nicht viel zu holen, sagte einer meiner Nachbarn. Und so war es auch. Vier Stunden verbrachte ich abwechselnd in gebückter Haltung, auf den Knien oder in der Hocke, um meinen Eimer zu füllen. Daheim mussten die Früchte und die Gläser gewaschen werden, bevor ich Marmelade kochen konnte. Ergebnis: ca. fünf Liter Heidelbeerkonfitüre mit einem Fruchtgehalt von mindestens 80%, abgefüllt in zehn Gläser verschiedener Größe. Und in etwa zwei Wochen sind bestimmt auch die Preiselbeeren reif …

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